MR JAZZ

WIE MR JAZZ DIE BESTEN MUSIKER DER WELT ANLOCKT
 
11.05 1999 / SIEGFRIED BARTH
   

Der folgende Artikel von Siegfried Barth beschreibt Mike Gehrke und seine Leistungen freundschaftlich und treffend


HANNOVER. Laßt viele gute Musiker um mich sein. Alte und junge, dicke und dünne, schwarze und weiße. Diesen Wunsch erfüllt Michael Gehrke sich seit mehr als drei Jahrzehnten mit wachsendem Erfolg - und Hannover profitiert davon.

Michael Gehrke, seit 1968 Vorsitzender des Jazz-Clubs Hannover, hat es verstanden, .die besten Jazzer der Welt um sich zu scharen und den Clubkeller auf dem Lindener Berg zu einem swingenden Brennpunkt der deutschen Szene zu machen. Wenn Hannover"die heimliche Jazzhauptstadt Deutschlands" ist, wie Konzertmogul Fritz Rau als erster erkannt hat, ist das vor allem das Werk des 55jährigen Jazzliebhabers Gehrke, den alle "Mike" nennen.

Jedes Jahr zu Himmelfahrt läßt er sie vor dem Rathaus aufmarschieren, die Stars der ,schwarzen Musik, in diesem Jahr zum 32. Mal. "Swinging Hannover" wird diesmal auch ein Fest der Jazz-Ladies. Die 75jährige New Yorker Bluessängerin Linda Hopkins ist dabei. Auch Cornelia Moore, eine hannoversche Sängerin, die es nach Gehrkes Worten hier noch zu entdecken gilt.

Typisch für den Jazz-ClubChef: Die Großen der Welt stehen neben lokalen Talenten. Hannover und die Weit sind ihm nahezu eins. Hauptsache, die Musiker machen guten Jazz. Count Basie, Benny Good man und andere Größen der Swing-Ära hat er nach Hannover geholt. Dizzie Gillespie ließ hier den Bebop galoppieren; Veteranen aus New Orleans führten die hannoverschen Fans an die Wiege des Jazz. Unvergessen die Clubkonzerte von Trompeter Chet Baker. Sagen wir's lieber anders herum: Kaum ein Musiker, der ein Stück Jazzgeschichte geschrieben hat, fehlt in Mike Gehrkes Sammlung. Und die meisten, die einmal da waren, kamen auch wieder.

Woher diese magnetische Kraft? Wie konnte sowas wie ein weltweiter Musik-Freundeskreis Hannover rund um den Lindener Club entstehen? Warum rufen Weitstars des Jazz auch nachts beim Privatmenschen Gehrke an, "einfach so, um mal zu plaudern?" Mike Gehrke behauptet: "Ich weiß es nicht, es ist einfach so." Und nach einer Denkpause: "Vielleicht, weil die meisten meiner Kontakte auch Freundschaften geworden sind."

Lassen wir mal Bilder sprechen: Swing-König Benny Goodman zupft den jungen Gehrke am Armel. Duke EIlington blickt ihn milde lächelnd an. Gehrke umarmt Musikveteranen aus New Orleans, die er zusammengetrommelt hat, um sie als "Legends of Jazz" auftreten zu lassen (die Stadt New Orteans hat ihn dafür 1978 zum Ehrenbürger gemacht).

Die Fotosamlung im Jazz-Club ist voll von körperlichen Gesten der Zuneigung und Freundschaft. Die Bilder mit Lionel Hampton, der für Hannover 1971 den Eisbein-Boogie komponierte, strahlen große Herzlichkeit aus.

Mike Gehrke, Hannovers Mr. Jazz, hat einen sehr persönlichen Management-Stil entwickelt. Der ist direkt, schlank und ungewöhnlich schnell. Persönliche Gespräche und Telefonate ersetzen lange bürokratische Prozeduren. Topp, die Verabredung gilt. Da wird auch unmöglich Erscheinendes möglich.

Das muß Hannovers ExOberstadtdirektor Martin Neuffer gefallen haben: Er holte Gehrke 1974 ins Rathaus, als Allzweckwaffe gegen Hannovers lädiertes Image als Kulturstadt. 1969 bis 1974 managte er die Straßenkunst, spann den Roten Faden durch die City, organisierte von 1970 bis 1992 die Altstadtfeste. Den Flohmarkt leitet er heute noch.

"Der Jazz", sagt Gehrke, "ist mein Refugium." Ein Zufluchtsort freilich, der fast die ganze Freizeit füllt - und Mr. Jazz genießt das. Wer ihn bei Konzerten hinter der Bühne erlebt, wo die Musiker ihre Gitarren stimmen und die Trompeten putzen, wo es einen sehr schwarzen Kaffee gibt, trifft hier immer einen glücklichen, entspannten Schutzpatron eines weltweiten Freundeskreises: Laßt viele gute Musiker um mich sein.