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MONTAG 25.11.2002

archiv

20:30 UHR

CHARLY MARIANO - DANIEL HUMAIR - ALI HAURAND
"KONZERT DES MONATS"
JazzClub Hannover
Was für eine Band! Was für Solisten! Was für eine Musikalische Erfahrung! Es gibt nicht mehr viele Musiker, die von sich behaupten können, dass sie mit Dizzy Gillespie oder Erroll Garner in einer Band gespielt haben, in den legendären Big Bands eines Stan Kenton und Charles Mingus gesessen sind und später auch noch wesentliche Impulse für das Jazzgeschehen in Europa gegeben haben. Charlie Mariano ist der Musiker auf den diese außergewöhnlichen Angaben zutreffen, ohne dass sich seine Biographie darin erschöpfte. Denn mit seinen 79 Jahren hat Charlie schon allerhand hinter sich: Geboren 1923 in Boston, Ausbildung u. a. an der dortigen Berklee School of Music, seit 1948 im Profigeschäft bei u. a. Nat Pierce, Bill Harris, Shelly Manne, Dizzy Gillespie, Stan Kenton, Charles Mingus und vielen anderen. 1960, nach der Heirat mit Toshiko Akiyoshi, gründete er sein erstes Quartett, tourte und lebte einige Jahre in Japan. 1964 zum ersten Mal auf Konzertreise in Europa, bevor er für ein paar Jahre Lehrer am Berklee wurde. Seit 1971 lebt er hauptsächlich in Europa, was ihn allerdings den Durchbruch und die große Anerkennung in den USA gekostet hat. In Europa jedenfalls wurde Charlie Mariano in den 70er Jahren rasch bekannt durch seine musikalischen Abenteuer von "EMBRYO" über Theaterprojekte bis zur Gruppe "Pork Pie", die in Zusammenarbeit mit Jasper van´t Hof und Philip Catherine entstand. Dazwischen lagen immer ausgedehnte Aufenthalte in Indien und Fernost, bei denen er tief in die Musikkultur der bereisten Länder eintauchte und diese Einflüsse dann in seine eigene Musik integrierte, lange bevor der Begriff „Weltmusik“ Mode wurde. 1977 stieg er beim United Jazz & Rock Ensemble ein, wo er bis 1998 Mitglied war. Mit Eberhard Weber´s Gruppe „Colours“ bereiste er die USA und andere Weltgegenden, trat mit dem Karnataka College of Percussion in den 80er und 90er Jahren häufig auf. In den 90er Jahren gab es Tourneen mit dem Bandoneonspieler Dino Saluzzi, und selbst Barden wie Konstantin Wecker oder Herbert Grönemeyer haben sich schon oft von Charlie Mariano unterstützen lassen. Er ist noch rüstig genug, sein Altsaxophon raumbeherrschend losfliegen zu lassen, wobei er mit jeglicher Unterstützung von seinen beiden Kollegen rechnen kann. Der eine davon ist der vielseitige Bassist Ali Haurand, ein „Macher“ der deutschen Jazz Szene, der 1943 in Viersen geboren wurde. Neben zahllosen Kooperationen mit Musikern aus aller Welt, Fernsehmoderationen und nach einigen aufsehenerregenden Großunternehmungen wie seiner famosen Jazzmaschine „The European Jazz Ensemble“, die führende Musiker aus allen Ecken Europas zusammenführt, pflegt er auch kleinere Formate wie Trios und Quartette. Sein modernes, schnörkelloses Baßspiel kommt innovativen Musikern wie Joachim Kühn, Daniel Humair, Al Foster, Tony Coe, Paolo Fresu, Charlie Mariano oder John Surman sehr entgegen, die ihn alle sehr gerne in ihren Gruppen haben bzw. zu Platteneinspielungen heranziehen. Und immer wieder zaubert er überraschende Ensembles aus dem Hut, so wie dieses Trio, das allerbeste Musik garantiert. Über den Schlagzeuger Daniel Humair braucht man bei uns eigentlich nicht mehr viele Worte zu machen, denn dem Publikum ist der Filigrantechniker der Stockarbeit von Auftritten mit Joachim Kühn und Jean-Francois Jenny Clarke her bekannt und vertraut. Wer dennoch den so sensibel trommelnden Mann noch nicht kennen sollte, hier ein paar Anhaltspunkte: 1938 in Genf geboren, seit 1955 Profimusiker. 1958 Übersiedlung nach Paris: enge Kontakte zu „Exil-Amerikanern“ wie Eric Dolphy, Chet Baker, Kenny Dorham, Oscar Pettiford, Jackie McLean, Phil Woods u.a.; ab 1959 im Trio mit Martial Solal; dann Phil Woods European Rhythm Maschine; 1984 Gründung des Trios mit Joachim Kühn und J.-F. Jenny Clarke, dem sein musikalisches Hauptinteresse galt; viele Tourneen und Festivalauftritte; seit Anfang der 90er Jahre in weiteren Gruppen aktiv, u.a. mit Dave Liebman, Enrico Rava oder Jerry Bergonzi. Neben vielem Anderen besticht der Ausnahmetrommler Daniel Humair durch die unnachahmliche Leichtigkeit des percussiven Netzes, das er in der Verzahnung von rhythmischer Intensität, eleganter Akzentuierung, energischem Drive und superber Technik über den Klangkreationen seiner Mitspieler schweben läßt. Drei außergewöhnliche Persönlichkeiten des internationalen Jazz haben sich hier zu einem Trio zusammengefunden. Im Laufe ihrer langen Karriere haben sie nicht nur viele Entwicklungen erstiegen, sondern sind auch ihrerseits wieder Vorbilder für junge Musiker geworden.